”Calm” ist der neue Luxus

Stefan Rollwagen über den Salone del Mobile 2026, Materialehrlichkeit und die Zukunft des Wohnens

Der Salone del Mobile bleibt die wichtigste Bühne der internationalen Designwelt – und zugleich ein Seismograf dafür, wie wir künftig wohnen wollen. Auch 2026 war Mailand wieder geprägt von großen Gesten, überlaufenen Hallen, spektakulären Markeninszenierungen und einer Stadt, die sich für eine Woche vollständig in einen globalen Designparcours verwandelt.

Und doch lag die eigentliche Qualität dieser Ausgabe weniger im Spektakel als in den ruhigeren Momenten dazwischen.

Viele der spannendsten Beobachtungen drehten sich nicht um das „Neue“ im klassischen Sinn, sondern um Fragen von Materialität, Prozess und Atmosphäre: um Räume, die wieder stärker über Haptik, Ruhe und handwerkliche Qualität funktionieren; um Möbel, die altern dürfen; um Licht, das nicht inszeniert, sondern begleitet.

Gleichzeitig blieb ein gewisser Widerspruch spürbar. Während Nachhaltigkeit, Circularity und Materialehrlichkeit fast überall als Leitmotive formuliert wurden, stellte sich vielerorts die Frage, wie tief diese Haltung tatsächlich reicht – und wo Begriffe zu Bildsprache werden. Auch die enorme Größe des Events, die Reizüberflutung und die Dominanz großer Marken sorgten für kritische Stimmen.

Gerade deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.

Denn jenseits von Trends und Messebildern zeigte der Salone 2026 vor allem eines: eine neue Sehnsucht nach Räumen, die weniger beeindrucken wollen, sondern vielmehr Halt geben sollen. Nach Interieurs, die nicht auf kurzfristige Aufmerksamkeit abzielen, sondern auf Dauer, Resonanz und Alltag.

Genau das aber ist der interessante Punkt für ESSENCE, nämlich die kuratorische Einordnung dessen, was bleibt, wenn die Bilder verschwinden. Welche Materialien haben wirklich Bestand? Welche Räume erzeugen langfristig Atmosphäre? Und welche Haltung steckt hinter den Objekten, die wir in unsere Wohnwelten holen?

Stefan Rollwagen, Inhaber und Geschäftsführer von Egetemeier Wohnkultur in München, ordnet diese Verschiebungen im Nachgang der Messe ein. Im Gespräch geht es um die neue Ruhe im Interior Design, die Rückkehr von Materialehrlichkeit und die Frage, warum Wohnen heute wieder stärker als kultureller Wert und nicht als schnelllebiger Konsum verstanden wird.

Stefan Rollwagen, Geschäftsführer Egetemeier

„Der Salone 2026 hat gezeigt, dass sich gutes Interior Design wieder stärker über Haltung definiert als über Effekte.“

Interview

Wenn du die diesjähirge Ausgabe in einem Satz verdichten müsstest: Was bleibt – jenseits der Bilder, Farben und Inszenierungen?

Der Salone 2026 hat gezeigt, dass sich gutes Interior Design wieder stärker über Haltung definiert als über Effekte – mit mehr Ruhe, Materialehrlichkeit, handwerklicher Qualität und einer spürbaren Sehnsucht nach Beständigkeit.

Viele Beobachtungen sprechen von einer neuen Ruhe im Interior. Ist das für dich ein echter Wandel – oder nur die nächste ästhetische Oberfläche?

Ich glaube, dass wir tatsächlich einen echten Wandel sehen. Diese neue Ruhe ist weniger ein Stiltrend als eine Reaktion auf eine sehr schnelle, digitale und visuell überladene Zeit. Menschen sehnen sich wieder nach Räumen, die Konzentration ermöglichen, die nicht permanent Aufmerksamkeit verlangen. Das verändert auch die Gestaltung: weg von kurzfristigen Effekten, hin zu Interieurs, die langfristig Bestand haben.

Warme Farben, Lack, Glas, Chrom, satte Töne: Wo beginnt für dich sinnliche Tiefe – und wo kippt es in Effekt?

Sinnliche Tiefe entsteht für mich dort, wo Materialien und Farben eine Atmosphäre schaffen, die dauerhaft wirkt – nicht nur im ersten Moment. Entscheidend ist, ob Licht, Oberflächen und Proportionen miteinander harmonieren und ob ein Raum auch nach Jahren noch Ruhe und Qualität ausstrahlt. In Effekt kippt es dort, wo Materialität nur noch Kulisse ist, und schnelle Aufmerksamkeit erzeugen soll.

Gerade in Mailand war interessant zu beobachten, dass viele starke Präsentationen zwar emotional und sinnlich waren, aber trotzdem sehr kontrolliert und strukturiert wirkten.

Der Salone zeigt zunehmend weiche, großzügige Wohnlandschaften. Was sagt das über unser Bedürfnis nach Rückzug, Komfort und Geborgenheit aus?

Das Zuhause soll heute nicht mehr nur repräsentativ oder funktional sein, sondern ein Ort von Ruhe, Sicherheit und Entschleunigung. Gerade in einer Zeit permanenter Erreichbarkeit wächst das Bedürfnis nach Räumen, die Geborgenheit vermitteln – körperlich wie mental. Die weichen, großzügigen Wohnlandschaften, die man in Mailand gesehen hat, sind dafür ein gutes Bild: Sie schaffen nicht nur Komfort, sondern auch eine gewisse emotionale Wärme.

Stefan Rollwagen, Geschäftsführer Egetemeier

„Gute Materialien brauchen keine übertriebene Inszenierung.“

Materialehrlichkeit ist ein großes Thema. Woran erkennst du auf einer Messe, ob ein Material wirklich trägt – oder nur gut inszeniert ist?

Gute Materialien brauchen keine übertriebene Inszenierung. Sie wirken über Haptik, Tiefe, Verarbeitung und darüber, wie selbstverständlich sie altern dürfen. Auf dem Salone war interessant zu sehen, dass viele starke Präsentationen wieder stärker auf echte Oberflächen und handwerkliche Details gesetzt haben – auf Dinge also, die man nicht nur sieht, sondern spürt.

Wie verändert sich dein Blick auf Langlebigkeit? Geht es heute stärker um Reparierbarkeit, Patina und Weitergabe als um Neuheit?

Definitiv. Langlebigkeit wird heute viel umfassender verstanden als nur über technische Haltbarkeit. Es geht zunehmend um Möbel und Materialien, die altern dürfen, Charakter entwickeln und über viele Jahre relevant bleiben. Reparierbarkeit, ehrliche Materialien und die Möglichkeit zur Weitergabe spielen dabei eine immer größere Rolle. Das verändert auch den Begriff von Luxus: weg vom permanent Neuen, hin zu Dingen, die bleiben können.

Stefan Rollwagen, Geschäftsführer Egetemeier

„Wohnen ist heute Rückzugsort, Arbeitsplatz und persönlicher Ausdruck zugleich.“

Viele Entwürfe denken Wohnen, Hospitality und Arbeiten immer stärker zusammen. Was bedeutet das für private Interieurs?

Private Interieurs müssen heute deutlich vielseitiger funktionieren als noch vor einigen Jahren. Wohnen ist längst nicht mehr nur Rückzugsort, sondern oft auch Arbeitsplatz, sozialer Raum und persönlicher Ausdruck zugleich. Deshalb verschwimmen die Grenzen zu Hospitality und hochwertigen Arbeitswelten immer stärker. Vom Hospitality-Bereich kommt das Bedürfnis nach Atmosphäre, Komfort und emotionaler Wirkung, aus modernen Arbeitswelten eher Flexibilität und funktionale Qualität. Die Herausforderung besteht darin, diese unterschiedlichen Anforderungen so zu verbinden, dass Räume trotzdem Ruhe, Persönlichkeit und Authentizität behalten – und nicht beliebig wirken.

Hightech verschwindet zunehmend in den Hintergrund. Was macht ein intelligentes Interior aus, wenn Technik nicht sichtbar dominieren soll?

Ein intelligentes Interior erkennt man heute eigentlich daran, dass man die Technik kaum wahrnimmt. Gute Technologie unterstützt Atmosphäre, Komfort und Funktion, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Licht, Akustik, Klimatisierung oder Medienlösungen sollen intuitiv funktionieren und sich selbstverständlich in Architektur und Einrichtung integrieren. Die beste Technik ist oft die, die nicht wie Technik wirkt.

Stefan Rollwagen, Geschäftsführer Egetemeier

„Kunden suchen heute stärker nach Atmosphäre als nach Produkten.“

Welche Beobachtung aus Mailand ist für EGETEMEIER besonders relevant – für Beratung, Materialauswahl und die Arbeit mit Kunden?

Für uns bestätigt Mailand vor allem, dass Kunden heute stärker nach ganzheitlicher Atmosphäre suchen als nach einzelnen Produkten oder kurzfristigen Trends.

Materialität, Licht, Haptik und räumliche Ruhe werden immer wichtiger. Daraus entsteht für die Beratung die Aufgabe, Interieurs langfristiger und emotionaler zu denken – mit ehrlichen Materialien, hoher Qualität und einer sehr präzisen Abstimmung von Farben, Oberflächen und Proportionen.

Wenn du aus dem Salone 2026 eine Haltung für das Wohnen von morgen ableiten müsstest: Welche wäre das?

Für mich ist die Haltung von morgen, Wohnen wieder stärker als kulturellen und persönlichen Wert zu verstehen – nicht als schnelllebigen Konsum.

Was würdest du Kunden nach Mailand mitgeben, die nicht dem Trend folgen wollen, sondern ein Zuhause schaffen möchten, das Bestand hat?

Mailand hat sehr schön gezeigt, dass echte Qualität oft leiser ist. Räume wirken dann besonders überzeugend, wenn sie Persönlichkeit, Ruhe und Authentizität ausstrahlen. Wer so plant, schafft kein trendgetriebenes Interior, sondern ein Zuhause, das auch in vielen Jahren noch relevant und vertraut wirkt.

Egetemeier

Stefan Rollwagen ist Inhaber und Geschäftsführer von Egetemeier Wohnkultur in München und prägt gemeinsam mit Petra Egetemeier die Ausrichtung von Egetemeier Interior Design Studio & Minotti München. Seit Anfang der 2000er-Jahre entwickelt er mit seinem Team anspruchsvolle Interior-Konzepte, bei denen Planung, Ausführung und kuratierte Marken zu ganzheitlichen Wohnwelten verschmelzen.

Unter seiner Regie hat sich Egetemeier zu einem der führenden Einrichtungshäuser Deutschlands entwickelt, in dem ein interdisziplinäres Team aus Architekten und Innenarchitekten Interior Design als dialogischen Prozess auf Augenhöhe versteht. Als Gastgeber der Marke Minotti in München verbindet Rollwagen italienische Designikonen mit Münchner Wohnkultur und legt besonderen Wert auf präzise Planung, materialbewusste Details und eine Beratung, die Interior-Wünsche auf höchstem Niveau übersetzt.

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