Egetemeier Wohnkultur - Logo

Wie Tameko textile Weichheit in architektonische Präzision übersetzt Softness as Structure

01. The Weave of Silence

Mitten im hektischen Kopenhagen, zwischen Ausstellungen und Stadtgeräuschen, betritt man während der 3 Days of Design 2025 einen Raum, der sich anfühlt wie ein tiefes Einatmen. Ein langer Tisch, darauf Muster aus Leinen und Baumwolle. Haken, an denen Stoffe hängen, die das Licht weich filtern. Ein Regal mit Schlafmasken, Kissen, Decken – alles in gedämpften, ruhigen Tönen. Und in der Mitte: eine Teezeremonie, so langsam und still, dass sich der Puls sofort senkt. Keine Musik. Keine Effekte. Nur das leise Gleiten von Stoff über Holz. Warme Hände, die sich um eine Tasse legen. Ein Raum, der einlädt zu berühren, zu verweilen, zu atmen. In diesem Moment versteht man intuitiv, was Tameko meint, wenn sie sagen: Softness is not decoration – it’s a way of being in the world. Weichheit ist hier weder sentimental noch kitschig. Sie ist präzise, selbstverständlich, haptisch zwingend. Man streicht mit der Hand über die Textilien und spürt: Das ist kein Effekt. Es ist Haltung.

TAMEKO – Fabrics for Life

Gegründet 2021 in Kopenhagen von Dominika Leveau und Chim Scavenius Sonne-Schmidt, beide mit textilem Background (u. a. Massimo Copenhagen). Erste Kollektion: entwickelt 2024 gemeinsam mit Space Copenhagen.Materialien: europäisches Leinen & Bio-Baumwolle, gefertigt in Karur (Indien), OEKO-TEX zertifiziert, reaktiv gefärbt. Philosophie: Fabrics for Life – Textilien, die altern, patinieren, Geschichten speichern.
Ästhetik: poetischer Minimalismus – gedämpfte Töne, sichtbare Webstrukturen, stille Stärke. 3 Days of Design 2025: Installation „A World Woven Together“ mit Space Copenhagen, Norm Architects und OEO Studio.

02. Im Gespräch – Dominika & Chim über Softness & Structure

Wie würdet ihr Weichheit beschreiben – emotional, materiell, architektonisch? 

„Weichheit ist für uns kein Gegensatz zu Stärke. Sie bedeutet Responsivität. Ein Material, das lauscht, aufnimmt, sich anpasst und wirklich antwortet. Wir wählen Fasern mit feinen Unregelmäßigkeiten, weil sie die Hand des Webers in sich tragen und Nähe schaffen – statt bloßen Effekten. Architektonisch zeigt sich Weichheit als Präsenz, die Räume formt, ohne sie zu dominieren. Sie ist mehr ein Rahmen als eine Grenze.“


Welche Rolle spielt dabei die Berührung? Führt die Hand eure Gestaltung? 

„Immer. Die Hand führt. Wir arbeiten mit den Materialien lange, bevor Farbe oder Form ins Spiel kommen. Ein Stoff, der sich gleichgültig gegenüber dem Körper verhält, wird niemals Teil eines Zuhauses. Deshalb gestalten wir für Gesten: für den Faltenwurf einer Decke, das Nachgeben eines Kissens – für die Wärme eines Textils, das einen Moment Licht bewahrt.“


Und was bedeutet Farbe für euch, wenn sie als Atmosphäre gedacht wird?

 „Wir denken Farbe wie Temperatur – als Lichtqualität. Unsere Palette entsteht aus der Choreografie eines Tages: die Sanftheit am Morgen, gedämpfte Schatten, die ruhige Präsenz von Stein oder die Holzwärme am Abend. 


Wann wird ein Textil für euch zur Architektur?

„Wenn es Verantwortung übernimmt. Licht filtert, Privatsphäre schafft und Grenzen setzt, die atmen. Dann wird es Teil des Raumes und ordnet ihn – aber immer leise.“


Wie erzählt ein Stoff im Laufe der Zeit seine Geschichte? 

„Indem er mit Anmut reift. Naturfasern werden weicher, tiefer, ehrlicher – sie speichern Erinnerungen, ohne je nostalgisch zu wirken. Ihr Alter ist Teil ihrer Wahrheit.“

03. Textil als Architektur

Was passiert, wenn man Textil nicht als Oberfläche, sondern als Raum denkt? Textilien können Grenzen schaffen, ohne zu trennen.
Sie können Licht lenken, ohne Helligkeit aufzudrehen. Sie können Atmosphäre tragen, ohne Dekor zu sein.
Porös, warm, akustisch wirksam, emotional präzise –
weiche Strukturen mit klarer Haltung.

Radikale Sanftheit

Tameko radikalisiert diesen Gedanken.
Leinen, Farbe, Licht – nicht subtrahiert, sondern gezielt gesetzt.
Reduktion als Haltung, nicht als Stilmittel. Räume werden weicher, weil sie ehrlicher werden.

Die Theorie bestätigt, was die Hand längst weiß: Wie Materialforscherin Bruna Petreca in ihren Arbeiten zeigt, sind textile Strukturen eine Form verkörperten Wissens: Fasern speichern Nutzung, Zeit und Licht – und Berührung wirkt physiologisch beruhigend.

Lifecycle-Check –
Wie ein Stoff zu sich selbst findet

Jahr 1
Die Farbe ist satt, die Fasern sind straff. Die Haptik ist noch ein wenig unruhig.

Jahr 2–5
Die Weichheit setzt sich durch. Falten werden sicherer.
Das Material beginnt, Licht anders zu brechen.

Jahr 10+
Der Stoff verschwindet als Objekt – und bleibt als Atmosphäre.
Er wird Teil des Raumes, nicht seiner Einrichtung.

04.The Calm Within

Die Frage ist nicht, was wir noch hinzufügen können. Sondern: Was müssen wir weglassen, damit ein Raum beginnen kann zu atmen? Weichheit ist keine Schwäche. Sie ist die Präzision der Ruhe, die Räume verwandelt, ohne laut zu werden – und Menschen zurück in den Körper holt.

EGETEMEIER TAKEAWAY

– Weichheit ist Präzision. Keine Geste, sondern Haltung.

– Die Hand führt. Haptik entscheidet, was bleibt.

– Farbe ist Temperatur. Licht einfangen, statt zu inszenieren.

– Textil ist Struktur. Räume die atmen und zuhören.

– Zeit veredelt. Patina als emotionaler Mehrwert.

Mehr zu entdeckenAlle Artikel